Die Geschichte der Tracht – Von einer Vorstellung zur Alltagsbekleidung


Der Ursprung der heutigen Tracht findet sich auf der Theresienwiese. Am 12. Oktober 1810 fand die erste Wiesn statt. Allerdings gab es Dirndl, Lederhose und Co. zur Hochzeit von Prinzessin Therese und Kronprinz Ludwig noch nicht in der Weise, wie wir sie heute kennen.

Die Tracht auf der ersten Wiesn um 1810
Vor dem bekannten Pferderennen, das zu Ehren des Brautpaares stattfand, wĂŒrdigte ein Zug aus 16 Kinderpaaren das frisch vermĂ€hlte Paar und dessen Königshaus. Die Kinder waren mit Trachten bekleidet, unter denen sich die Wittelsbacher, die neun bayerischen Kreise und weitere Regionen fanden.
Dieser Zug stellt das erste Mal dar, dass die Tracht als Identifikationsmittel Einsatz fand. Sie sollte das Königreich Bayern symbolisieren und sich unter den restlichen GĂ€sten hervorheben. Neben den 16 Kinderpaaren trug keiner der ĂŒbrigen GĂ€ste Dirndl und Lederhose.
Die Trachtenbekleidung auf der Wiesn 1810 lĂ€sst sich als eine Art PR-Instrument verstehen, das seitens der Wittelsbacher eingesetzt wurde. Die Königsfamilie wollte das Volk dazu anregen, sich mit Bayern zu identifizieren. Das Symbol der einheitlichen Kleidung stellte dabei die beste Möglichkeit dar, um dieses Ziel zu erreichen. Heute gilt das Vorgehen der Wittelsbacher ĂŒbrigens als eine der wohl besten „PR-Aktionen“ aller Zeiten.

Keine Trachtenbekleidung in der Zeit nach dem ersten Weltkrieg
Was fĂŒr die meisten heute gar nicht mehr vorstellbar ist, war in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg gar keine Frage: Damals trug auf dem Oktoberfest niemand eine Tracht. So könnte sich nicht einmal Peter Schottenhamel daran erinnern, seinen Großvater jemals in Lederhosen gesehen zu haben.
Gleiches zeigt sich auch bei der Schottenhamel-Bedienung: Hier wird immer noch das „traditionelle“ Bedienungsgewand getragen. Eine Bedienung im Dirndl lĂ€sst sich hingegen nicht beobachten. Dies rĂŒhrt daher, dass Dirndl und Lederhose in fĂŒhren Zeiten höchstens sonntags in der Kirche getragen wurden. Als Arbeitsgewand war eine solche Bekleidung eher unpraktisch.
Als 1921 das erste Oktoberfest nach dem Kriegsende stattfand, trug deshalb noch niemand Dirndl und Lederhose.

Die Tracht wird zum Symbol fĂŒr Heimatverbundenheit und Tradition
Nach dem Ende des ersten Weltkrieges fĂŒhlte sich Bayern als Verlierer. Die UmbrĂŒche der Weimarer Republik ließen das Heimweh nach einer Monarchie wachsen. Besonders bei den MĂŒnchnern kam eine große Sehnsucht nach bayerischer Heimatverbundenheit auf. Sie forderte einen Ort der Tradition, um den Nachwehen des verlorenen Krieges zu entfliehen. Die Alpen wurden immer stĂ€rker zum Symbol der Heimat und entwickelten sich zu einem Sehnsuchts- und Zufluchtsort der bayerischen StĂ€dter.
Der Grund fĂŒr die Symbolkraft der Alpen grĂŒndete sich insbesondere auf einer Inszenierung einer Tegernseer Hochzeit, die im Kino gezeigt wurde: HochzeitsgĂ€ste trugen die schönsten Trachten, wĂ€hrend sie von einer idyllischen, lĂ€ndlichen Kulisse eingerahmt wurden. Die StĂ€dter, unter ihnen insbesondere die MĂŒnchner, zog es immer stĂ€rker aufs Land. Sie machten Urlaub in der Idylle und erwarteten, dass die Einheimisch ihre lĂ€ndlichen Vorstellungen erfĂŒllten. Die Sehnsucht der UrlaubsgĂ€ste, die von den „guten alten Zeiten“ trĂ€umten und Trachten in alter Manier erwarteten, wurde zum lukrativen GeschĂ€ft. Die GĂ€ste aus der Stadt wollten das tragen, was sie fĂŒr lĂ€ndlich hielten.
Die Inszenierung der Operette „Im Weißen RĂ¶ĂŸl“ und die Salzburger Festspiele unterstĂŒtzen die wachsende Beliebtheit der Tracht. Dirndl und Lederhose manifestierten sich immer stĂ€rker, zunĂ€chst als eine Art Verkleidung und spĂ€ter als Alltagsgewand. Ein Bauer hĂ€tte allerdings nie eine eher unpraktische Tracht fĂŒr seine Arbeit getragen. Somit lĂ€sst sich festhalten, dass die Stadtbewohner die Tracht aufs Land brachten und nicht umgekehrt.

In den 1930er-Jahren war es schließlich soweit: Dirndl und Lederhose galten als Standard der Alltagsbekleidung. Der Tourismus formte die Alpenregion nach seinen romantischen Werten und schuf sich eine schöne, idyllische Welt. Die Ideologie dieser Idylle versteckte sich unter dem Deckmantel einer Volkskultur und manifestierte sich insbesondere in der bayerischen Tracht. Und um sie zu vollenden, durfte sie natĂŒrlich auch auf dem Oktoberfest nicht mehr fehlen.